10. Oktober 2019 Madeleine

Teil 1 | DigitalPakt Schule und ein desorientiertes Bildungssystem

Das Ende unserer Roadshow #DigitalpACT liegt nun bereits zwei Monate zurück, die Ferien sind vorbei, Zeit also, ein Resümee zu ziehen. Während wir uns heute über angenehme 20 Grad Celsius freuen, stand die Roadshow ganz im Zeichen der Hitze.

Unsere Situation zu der Zeit: Höchsttemperaturen von 39°C, wenig Vorlaufzeit für die angefragten Schulen, Nachklausurenphase und die Ferien standen kurz bevor. Nicht gerade der ideale Zeitpunkt für Workshops mit Schulleitungen und Lehrkräften – noch weniger am Freitagnachmittag 15-17:30 Uhr. Wenngleich wir unsere angestrebte Teilnehmerzahl nicht in jedem Bundesland erreichen konnten, so sind wir mit dem Gesamtergebnis doch sehr zufrieden. Wir haben uns mit ca. 250 Teilnehmenden ausgetauscht und möchten die daraus gewonnenen Erkenntnisse mit allen Veränderungsinteressierten und Bildungsakteuren teilen.

Ein Dankeschön an alle Beteiligten!

Doch bevor wir inhaltlich werden, das Wichtigste vorab: Wir sagen ein großes Dankeschön an alle Teilnehmenden der Roadshow #DigitalpACT, die der Hitze getrotzt, dem Thema Bildung in der digitalen Welt einen so hohen Stellenwert beigemessen und zudem so aktiv mit uns diskutiert haben. Wir sind begeistert von dem Engagement aller Lehrkräfte, Schulleitungen und Medienberater, die ihre Erfahrungen und Herausforderungen so aktiv wie offen mit uns geteilt haben.

Wir sind auf Schulleitungen getroffen, die am Rande der offiziellen Vorgaben handeln, nur um ihren Schülerinnen und Schülern Zeit für selbständiges, problem- und lösungsorientiertes Lernen zu ermöglichen. Wiederum andere bestätigen, es sei niemals zu spät, etwas Neues zu lernen. Er war einer unserer älteren Teilnehmer und einer der inspirierendsten zugleich. Bisher ohne eigene Coding-Erfahrungen, lautet sein Motto für diese Herausforderung: „Wenn das meine Fünftklässler lernen sollen, dann werde ich es wohl auch schaffen, mir das vorher selbst beizubringen.“ – mein Fazit: großartig, mehr davon, Hut ab und vor allem #Respekt.

Was wir aus der Roadshow #DigitalpACT gelernt haben und welche Handlungsbedarfe wir feststellen, das haben wir in einem zweiteiligen Artikel für Sie zusammengefasst. Während Teil 2 bei einzelnen Themen etwas mehr in die Tiefe geht, finden Sie in diesem Teil einen schnellen Überblick.

Hier die Zusammenfassung für alle, die es kompakt wünschen:

Das Gute zuerst: Die Veränderungsbereitschaft, hin zur digitalen Transformation in der Bildung ist bei allen relevanten Akteuren vorhanden: Von Schulleitungen, Lehrkräften, Schulträgern, Kommunen und Gemeinden, Landesbildungsministerien, dem Bundesbildungsministerium, Universitäten und weiterführenden Schulen sowie Bildungsanbietern. Gut, der Anteil der Überzeugungstäter ist nicht bei allen Gruppen gleichermaßen stark ausgeprägt, aber es gibt sie überall.

Der Medienentwicklungsplan sowie die unterstützenden Beispiele zur digitalen Bildung unserer Partner Conrad Education, bettermarks und AixConcept sind auf Interesse gestoßen. Wir betonen gleich an dieser Stelle, für alle möglichen Kritiker, denen es jetzt in den Fingern juckt: Es ging bei der Roadshow nicht darum, Produkte zu verkaufen. Aber ohne Wirtschaft funktioniert auch digitale Schule nicht – analoge übrigens auch nicht. Uns war und ist es wichtig, Möglichkeiten und gute Bespiele entlang des gesamten Prozesses der Medienentwicklungsplanung abzubilden.

Conrads Unterrichtskonzept für 3D-Druck war der absolute Renner. Für alle die es verpasst haben, hier nochmal der Link und ein Hinweis: teilen Sie gerne Ihre Beispiele und Erfahrungen mit Conrad. Sie nehmen Ihre Beispiele gerne mit auf.

Was uns überrascht hat: Lehrende kennen nur selten überhaupt OER-Materialien oder sie sind von dem Konzept überfordert, weil es zu viele OER-Materialien gibt. Es bleiben einige Fragen offen: Wer entscheidet eigentlich über die Qualität von OER, wer prüft diese und warum kommen die Materialien bei den Schulen kaum an?

Für uns hat die Roadshow #DigitalpACT eines deutlich gemacht. Es liegt nicht am fehlenden Geld, dass unser Bildungssystem nur so schleppend mit der Digitalisierung vorankommt. Nein, es liegt an den Entscheidungen, wie und wofür die finanziellen Mittel eingesetzt werden.

Positivbeispiele: Hamburg, Bayern, Bremen

Drei Länder möchten wir an dieser Stelle entgegen dieser Erkenntnis als besonders positiv hervorheben:

Hamburg, weil Hamburg mit seinem Digital Learning Lab Unterrichtsmaterialien systematisch den Medienkompetenzbereichen zugeordnet und damit einen einfachen und optisch ansprechenden Zugang für Lehrende ermöglicht hat. Darüber hinaus ist Hamburg das erste Bundesland, dass es geschafft hat, die Schulen ernsthaft bei dem Einsatz neuer, digitaler und adaptiver Lernsysteme zu unterstützen und sie finanziell zu entlasten. Hamburg ermöglicht als erstes Bundesland den Einsatz von bettermarks an allen Schulen.

Bayern überzeugt ebenfalls durch sein fantastisches und übersichtliches Online-Angebot, das Schulen bei der Medienentwicklungsplanung hilft. Das Zauberwort lautet Medienkompetenz-Navigator. Er ist nach Schulart und Jahrgangsstufen geclustert. Vor allem aber ist Bayern Vorreiter im Zusammenwirken mit verschiedenen Bildungsakteuren, u. a. auch in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Hier zeigt sich, dass ein kooperativer Ansatz besser und nachhaltiger wirkt. Vermutlich ist Bayern deshalb auch das Bundesland, das bereits so zeitgemäße Förderrichtlinien hat, die Miet- und Leasingmodelle integrieren und laufende Kosten für Service und Support berücksichtigen. Aus unserer Sicht: Absolut zukunftsweisend und vorausschauend, einfach clever.

Bremen ist uns insofern positiv im Gedächtnis geblieben, da es (analog zu Hamburg) seinen Schulen flächendeckend den Zugang zu einer Schul-IT-Lösung ermöglicht. In dem Fall handelt es sich um ein am Markt lang erprobtes Lernmanagementsystem. Bremen setzt nicht auf die Eigenentwicklung einer (Schul-)Cloud und erzielt gegenüber anderen Ländern zumindest in diesem Punkt einen klaren Vorsprung.

Top 10 Herausforderungen für digitale Bildung und den DigitalPakt Schule

  1. Förderrichtlinien zum DigitalPakt Schule noch nicht in allen Ländern veröffentlicht.

    Der DigitalPakt Schule ist zwar beschlossen, doch noch immer sind die Förderrichtlinien nicht in allen Ländern veröffentlicht.

  2. Großes Bedauern: laufende Kosten für Infrastruktur nicht über den DigitalPakt abgedeckt.
    Das führt zu Unsicherheiten in der Verantwortung zwischen Schulen und Träger und birgt die Gefahr, dass angeschaffte IT mittelfristig nicht mehr nutzbar ist.
  3. Gefahr: Explosion der Folgekosten.
    Schulen sehen unerwartete Kosten im laufenden Betrieb auf sich zukommen. Insbesondere die laufenden Kosten für den Glasfaseranschluss führen heute schon einigerorts zu erheblichen Mehrkosten.
  4. Weniger finanzstarke Gemeinden und Kommunen drohen abgehängt zu werden.
    Ausstattungsuntersschiede werden verstärkt, wenn finanzschwache Gemeinden nicht landesseitig finanziell unterstützt werden. Konnexitätsprinzipien müssen diskutiert und besprochen werden. Hier braucht es gute Lösungen, um Bildungsgerechtigkeit her- bzw. sicherzustellen.
  5. Landesmedienzentren und Beratungsangebote der Länder nicht flächendeckend bekannt.
    Obwohl es landesseitig verschiedene Unterstützungsangebote und Handreichungen für die Medienentwicklungsplanung an Schulen gibt, heißt das noch lange nicht, dass diese auch bei den Schulen bekannt sind. Das ist sehr schade, wo doch einige Länder extrem viel aufgearbeitet haben. Besonders hervorzuheben sind Hamburg, Bayern und NRW, weil sie Unterrichtsmaterialien bereits systematisch verschiedenen Medienkompetenzen zugeordnet haben.
  6. Gute Fortbildungsangebote zur Medienbildung deutschlandweit gesucht.
    Die Angebote der Landesinstitute und Bildungsserver wurden häufig als unzureichend oder wenig praxistauglich beschrieben. Die Bereitschaft zu mehr Online-Fortbildung ist grundsätzlich vorhanden, die bisherigen Erfahrungen mit Online-Fortbildungen seien allerdings sehr unterschiedlich.
  7. Schulen brauchen persönliche Betreuung.
    Es bestehen nach wie vor enorme Unsicherheiten in Bezug auf den DigitalPakt Schule und seine Ausgestaltung. Allgemeine Informationen des Landes sind nicht ausreichend. Schulen wünschen sich mehr Transparenz über Zuständigkeiten und den Beantragungsprozess.
  8. Wesentliche Prinzipien der Medienbildung nicht flächendeckend bekannt.
    Die KMK-Strategien „Medienbildung“ und „Bildung in der digitalen Welt“ waren bei den Teilnehmenden weitestgehend unbekannt. Es mangelt an Medienbildung, dem Bewusstsein für ihre Notwendigkeit und an Umsetzungsbeispielen.
  9. OER-Materialien größtenteils unbekannt.
    Auffallend vielen Lehrkräften ist der Begriff Open Educational Resources (kurz OER) unbekannt. Damit wird das Potenzial, welches OER-Materialien zugeschrieben wird (z. B. Zugang zu kostenfreier Bildung für alle) nicht erreicht.
  10. WLAN Ausbau bleibt große Herausforderung – auch mit dem DigitalPakt.
    Teilweise stehen Schulen vor so vielen angestauten Infrastrukturellen Problemen, dass die Mittel aus dem DigitalPakt kaum ausreichen werden. Eine gute WLAN-Ausleuchtung ist aus baulichen Gründen nicht möglich, der Glasfaseranschluss kommt – wenn überhaupt – erst in Jahren, es sind keine Handwerksbetriebe verfügbar oder es kann kein professioneller IT-Support gewonnen werden. Diese Probleme sind in ländlichen Gebieten besonders ausgeprägt.
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